Warte, ich bringe kurz mein Kind ins Bett

Früher war es mal so: Duschen, Zähne putzen, Gutenachtgeschichte (gerne auch zwei), Küsschen links, Küsschen rechts (Mama), Küsschen rechts, Küsschen links (Papa), Nachtlicht an und ab ins Reich der Träume. Heute ist es manchmal eher so: ich bringe dann mal eben meine Tochter ins Bett – wir sehen uns in zwei Stunden.

Das Universum, dieses unergründliche Ding, hatte da scheinbar andere Pläne. Und mit dem Universum meine ich jetzt nicht dieses Sigourney-Weaver-im-Weltraum-hört-dich-niemand-schreien Universum, sondern eher diese harmonische Sandmännchen-Variante. Alle lachen, alle sind froh, Engelsgeigen aus dem Himmel, ach da, noch ein bisschen Sternenstaub und das Sandmännchen dreht lächelnd und entspannt eine letzte Runde vor dem Einschlafen in seinem Wolkenschiff. Doch was ist das? Düstere Wolken ziehen auf.

Der Tag, der dem Abend voran geht, kann unter Umständen der tollste Tag aller Zeiten gewesen sein: Tierpark, Ponyreiten, Spielplatz, Eis, nochmal Spielplatz, zweites Eis und Peppa Pig als Rausschmeißer. Alles harmonisch, alles entspannt. Warum, frage ich mich derzeit immer häufiger, ja warum eigentlich möchte das Kind am Ende des Tages dann nicht ins Bett? So nach dem Motto: „Ja Papa, das war wirklich ein sehr erlebnisreicher Tag für mich heute, Papa. Eigentlich für uns alle. Schlägst du noch gerade die Bettdecke für mich auf, legst mir ein Bonbon unters Kopfkissen, das ich natürlich erst morgen essen werde und dann (lautes Gähnen, Augenreiben) möchte ich aber wirklich schlafen. Morgen wird bestimmt ein anstrengender Tag.“ Ja, Paula, das stimmt wohl.

Was ich gelernt habe: „Warum…“? ist keine Frage, auf die man eine – nach erwachsenen Maßstäben – befriedigende Antwort erhält. Das Reflektieren des eigenen Verhaltens (in diesem Fall das meiner Tochter) wird mitunter erschwert durch phantasievolle Lautäußerungen, Zahnbürsten-Weitwurf-gegen-den-Spiegel, das Abreißen von Wohnungskilometern in hoher Geschwindigkeit, auf die ein mittelmäßig begabter Marathonläufer ziemlich stolz wäre. Dann liegt sie im Bett, dann steht sie wieder im Wohnzimmer. Nein, Paula, das Wasserglas habe ich NICHT vergessen. Nein, auf der Toilette warst du noch vor zwei Minuten. Langsamen Schrittes nähern wir uns dem Abgrund, sie zwinkert mir zu und geht den letzten Schritt.
Haben wir vielleicht an diesem Tag zu viel unternommen? Sind es die komplexen Zeiten, in denen wir leben? Hinterfragt Paula am Abend gar die Postmoderne („Anything goes…“) oder den US-amerikanischen Wahlausgang? Ich bin mir da manchmal nicht so sicher. Das alles wäre tatsächlich sehr aufwühlend.

Ich finde es gut, dass auch kleine Menschen nicht immer genau das machen, was von ihnen verlangt wird. Zu einem späteren Zeitpunkt in der Erziehungsmaschinerie werden auch sie hoffentlich lernen: ein eigener Kopf ist wichtig, eine eigene begründete Meinung. Auch mal gegen den Strom, bloß keine Abnickerin werden. Die großen Köpfe dieser und längst vergangener Tagen waren mit Sicherheit keine Ja-Sager. Und das da hinten, ja genau da, sind das nicht Zahnpastaspuren auf dem Kindheitsspiegel von John Lennon, der unlängst für schlappe 6 Millionen Pfund bei Sotheby’s über die Theke gewandert ist? Warum Sotheby’s Spiegel versteigern sollte, ist mir in diesem Moment allerdings selbst schleierhaft.

Meine egozentrische Seite meldet sich: ich möchte jetzt gerne eine US-amerikanische oder europäische Serie gucken. Auch europäische Serien können gut sein! Und mit jetzt meine ich einen Zeitpunkt, der nicht unbedingt zwei Stunden in der Zukunft liegen muss. Ich strecke die Waffen und lege mich auf die Couch. Ich träume von einer hoffentlich nicht allzu fernen Zukunft. Von fliegenden Autos und Maschinen, die Kinder ins Bett bringen. Eine halbe Stunde später schläft auch das Kind.

Illustration: Marco Ursin

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